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In den Dolomiten am Fusse der Nordwand der westlichen Zinne zu stehen, ist ein wenig wie eine Lektion der Demut. Der Gipfel ist ausser Sichtweite und im Osten ragen die Grosse und die Kleine Zinne wie Festungsmauern in den Himmel. Oft fallen Steine herab, trudeln Hunderte von Metern zu Boden, bevor sie beim Aufschlag zerbersten. Die Gipfel der umliegenden Dolomiten entlang Horizontlinie erscheinen aneinander aufgereiht wie eine Reihe unordentlich aufgestellter Dominosteine. Und oben an der Westlichen Zinne, nach einigen Seillängen, ragt ein riesiges Dach aus der Wand. Durch dieses Dach verläuft die Route Bellavista.

Vom Boden aus ist es fast unmöglich sich vorzustellen, dass diese Route kletterbar ist. Das Dach ragt über 60 Meter aus der Wand heraus und selbst ein Optimist hat Mühe, sich die Griffe entlang dieser Länge vorzustellen. Bellavista wurde von Alex Huber eingerichtet und im Jahr 2001 von ihm erstbegangen. Sie war die erste Mehrseillängenroute mit dem Schwierigkeitsgrad 8c in den Dolomiten und vielleicht auch auf der Welt. „Die Tatsache, dass sich Alex Huber einfach dachte, OK, ich werde dort oben eine Route einrichten, und einfach nur hoffte, dass er sie klettern können würde… ist schon beeindruckend“ sinniert Babsi Zangerl (Global Athlete von Black Diamond).

Babsi, deren stille Persönlichkeit und zierlicher Körperbau keine Rückschlüsse auf ihre eindrucksvollen Fähigkeiten am Fels zulassen, sah Bellavista zum ersten Mal im Juni 2014 aus der Nähe. „Was für mich interessant war“, sagt sie, „war das Gesamtpaket. Die Tatsache, dass ich wusste, dass es einen enormen Aufwand bedeutete, die ganze Route an einem Stück klettern, und dass ich anfangs ganz schön Angst davor hatte, machte sie umso attraktiver.“

Neben Bellavista befindet sich Pan Aroma, eine 8c, die mit denselben Seillängen wie Bellavista startet, am Dach aber nach rechts ausschert. Black Diamond Ambassador Jacopo Larcher, Babsis Freund, war von dieser Route inspiriert, die ebenfalls von Alexander Huber eingerichtet wurde. Zusammen versuchten Sie ihre Routen.

Es war ein immenses Unterfangen. Immerhin sind das nicht irgendwelche nebeneinander liegende Routen in einem Sportklettergebiet. Die Schlüsselseillängen befinden sich jeweils irgendwo mitten in der Wand und die ersten Seillängen sind auch kein Kinderspiel. Viele Züge am Anfang mit dem Schwierigkeitsgrad 7b sind ungesichert und die Mehrzahl der folgenden Züge sind Runouts, gesichert durch rostige Haken, die in fragwürdigen Fels geschlagen wurden. Nach der Schlüsselseillänge durch das Dach folgen noch Dutzende Seillängen, um die 450 Meter hohe Nordwand zu durchsteigen. Während Babsi und Jacopo sich durch die ersten Seillängen nach oben arbeiteten, wurden sie beständig daran erinnert, was sie weiter oben noch erwartete, begleitet von dem kontinuierlichen Steinschlag, der unten am Boden hörbar detonierte.
Nach den ersten Seillängen bis zum Start des Dachs wird es richtig ernst. Der Fels scheint hier noch brüchiger zu sein und es fällt einem schwer, den Sicherungen spontan zu vertrauen. Babsi erinnert sich daran, dass sie drei Mal an dieser Stelle dachte, Ok, es reicht. Ich habe zu viel Angst. Ich komme nicht mehr weiter. „Wenn du an nassen Griffen kletterst und Angst hast abzurutschen, ist die mentale Herausforderung grösser, als wenn du beim Klettern einfach keine Kraft mehr hast“ sagt sie. Aber am Stand oder zurück am Boden konnte sie ihre Angst immer wieder überwinden. „Für mich ist es fast genauso schwer, einfach aufzugeben.“

Bellavista wurde von Alex Huber eingerichtet und im Jahr 2001 von ihm erstbegangen. Sie war die erste Mehrseillängenroute mit dem Schwierigkeitsgrad 8c in den Dolomiten und vielleicht auch auf der Welt.

Episode 4 Media Tile
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Für Babsi war einer der wichtigsten Momente in der Route, sich sicher genug zu fühlen, um in der Schlüsselseillänge einen Sturz zu riskieren. Nachdem sie diese Angst überwinden konnte, war sie in der Lage, richtig an den Zügen zu arbeiten. Aber nach jedem Sturz an dieser Stelle hing sie im Freien, mitten unter dem Dach, am Ende des Seils. Nur durch Jümarn war es möglich, wieder an die Wand zu gelangen, um es dann nach einer Pause erneut zu versuchen – ein Prozess, der locker eine Stunde in Anspruch nahm.

Um es noch schlimmer zu machen, war dieser Sommer in den Dolomiten wie so oft von schlechtem Wetter bestimmt. Täglich tummelten sich Gewitterwolken am Himmel, spuckten Regentropfen in die brüchige Wand der Westlichen Zinne und überzogen die Griffe der Schlüsselseillängen mit rutschiger Feuchtigkeit. Oft versuchten Babsi und Jacopo, die Griffe mit Handtüchern zu trocknen und hofften, trotz des trüben Wetters Fortschritte zu machen. Aber immer wenn sie an den Stand zurückkehrten und einen neuen Versuch starteten, waren die eben abgetrockneten Griffe schon wieder feucht. Wochenlang regnete es.

„Noch nie war es so schwer für mich, mich für eine Route zu motivieren, wie für diese“ erinnert sich Babsi. „Es geht nicht nur um dich und darum, wie gut du klettern kannst. Es gibt diese anderen Faktoren, die beeinflussen, ob du die Route klettern kannst oder nicht.“

Aber irgendwie blieben sie dran. Im Laufe von zwei Monaten verbrachten sie jeden Regentag damit, sich gegenseitig zum Weitermachen zu motivieren. Sie schliefen im Bus, wachten jeden Morgen mit dem Gedanken auf, dass es doch bald besser werden müsse, dass das schlechte Wetter endlich umschlagen müsse. „Alle hielten es für eine Schnappsidee und viele Leute erklärten uns für verrückt, bei schlechten Wetter zwei Monate dort auszuharren“, erzählt Babsi. Beiden war klar, dass die Anstrengungen für diese Routen in einem Sommer mit besserem Wetter geringer sein würden. Sie motivierten sich jedoch immer wieder gegenseitig und die schlechten Bedingungen machten das Ganze zu einer besonderen Erfahrung.

„Wenn du da in der Wand hängst und der Nebel so dicht ist, dass man den anderen fast nicht mehr sieht, ist das eine Erfahrung, an die ich mich besonders intensiv erinnere“, sagt Babsi. „Die harte Vorarbeit, die Menge an investierter Zeit und die Herausforderung, mit dieser Angst umgehen und sich immer wieder zwingen zu müssen, eine bestimmte Passage zu klettern, diese sind die Dinge für mich, die so speziell waren.

Babsi und Jacopo konnten Bellavista und Pan Aroma in diesem Sommer nicht durchsteigen. Das Paar reiste nach zwei verregneten Monaten ab und plante, es im nächsten Jahr erneut zu versuchen. Aber als sie im folgenden Juni ankamen war das Wetter noch schlechter – es schneite. Also fixierten sie die Seile und verliessen die wolkenverhangene Westliche Zinne, um Sportklettern zu gehen.

Und dann, während Jacopo auf einer moskitoverseuchten Expedition in Sibirien unterwegs war, kam der Wetterumschwung. Babsi arrangierte eine spontane Mission mit Christian „Pinky“ Winklmair, mit dem Vorhaben, einfach nur die Schlüsselseillänge zu probieren, die nun endlich trocken sein würde. Als die beiden ankamen, war die Route in einem besseren Zustand, als Babsi sie jemals in den zwei Sommermonaten des Vorjahres gesehen hatte. Aber nach einem Tag in der Route hatten die beiden nur noch einen weiteren Tag, bevor sie wieder abreisen mussten. Da kein Durchstiegsversuch geplant war, standen sie spät auf und kamen erst gegen 9 Uhr morgens am Start der Route an.

Babsi stieg alle Seillängen bis zum Dach vor. Nachdem sie auch das Dach durchstiegen hatte, machte es plötzlich „Klick“. Es war das erste Mal, dass ihr diese Seillänge sturzfrei gelungen war. Und über ihr reihten sich die übrigen Seillängen bis zum Gipfel aneinander. Sie und Pinky erreichten die Routenmitte um 19 Uhr abends, während die Sonne bereits am untergehen war. Noch 14 Seillängen warteten. Babsi konnte jetzt nicht mehr aufgeben. Um 2 Uhr morgens, nachdem sie sich in der Dunkelheit mit nur einer Stirnlampe total verstiegen hatten, erreichte das Duo den Gipfel. Beide mussten in nur wenigen Stunden in der Arbeit sein, also knipsten sie ein Selfie auf dem Gipfel und machten sich an den Abstieg.

Babsi stieg alle Seillängen bis zum Dach vor. Nachdem sie auch das Dach durchstiegen hatte, machte es plötzlich „Klick“.

Bellavista ist bis heute Babsis schwerste Begehung einer Mehrseillängenroute. Aber es ist nicht der Grad, der sie bei dieser Begehung so stolz macht. Es sind die vielen Wochen, die sie 2014 mit Jacopo bei Regen und Nebel verbrachte und während der sie ihre Angst überwand. Stundenlang beim Sichern nur Jacopos Füsse zu sehen, während er sich durch das Dach von Panorama arbeitete, und alle ihre eigenen Stürze aus diesem Dach, machten diese Wochen zu einer ganz besonderen und lebensnahen Erfahrung. Etwas, das man mit Worten kaum beschreiben kann.

„Das Überwinden meiner Angst war der wichtigste Prozess bei der Route Bellavista“, sagt sie. „Und es war sehr wichtig für mich, dass Jacopo und ich zusammen dort waren. Man kann so viel von einer anderen Person bekommen, von ihrer Motivation und ihrer Energie. Man verbringt all diese Momente gemeinsam. Auch wenn es die ganze Zeit gepisst hat, haben wir fantastische Momente miteinander erlebt.“



Words: Shey Kiester
Photography: Thomas Senf & Mattias Fredriksson
Videography: Spindle

“„Und es war sehr wichtig für mich, dass Jacopo und ich zusammen dort waren. Man kann so viel von einer anderen Person bekommen, von ihrer Motivation und ihrer Energie. Man verbringt all diese Momente gemeinsam."