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Fast sein gesamtes Leben hat Jacky Godoffe, 59-jährige Boulderlegende und Weltcup-Routensetzer, in Fontainebleau gelebt. 1984 kletterte er mit C’était Demain den ersten 8a-Boulder der Welt. Sein muskulöser Körper ist noch immer der eines Leistungssportlers. athlète de gymnastique à la musculature toujours développée - vit dans la forêt de Fontainebleau.

Die Überhänge und Leisten der blaugrauen Sandsteinblöcke Fontainebleaus haben Jackys Ruf und seine Persönlichkeit geprägt. Hier hat er in den 80ern und 90ern wegweisende Boulder erschlossen wie C’était Demain, Le Mouvement Perpétuel (8B) und Fat Man (8B). Während das Alter seine Energie und seine Begeisterung kaum dämpft, änderte sich mit den Jahren sein Fokus: vom Eröffnen neuer Boulder im Wald von Bleau bis hin zum Weitergeben seiner Fähigkeiten an die nächste Generation. Heute dienen ihm die Blöcke als Muse, sie sind seine hauptsächliche Inspiration für Boulder, die er für Kletterhallen und auf Wettkämpfen weltweit schraubt. athlète de gymnastique à la musculature toujours développée - vit dans la forêt de Fontainebleau.

„Der Wald inspiriert mich mit seinen Formen,“ erklärt Jacky. „Sie sind wie Filter in der Fotografie. Du legst einen Filter über einen Kletterzug, und je mehr Filter man hinzufügt, desto schwieriger wird es für den Kletterer, die Bewegung zu verstehen.
Jacky Godoffe wurde im November 1956 in einem Dorf vor Fontainebleau geboren. Von früh an spielte der Wald eine wichtige Rolle in seiner Kindheit: als Ziel von Familien-Ausflügen und stundenlangem Erforschen von Wegen und Felsen. Jackys Mutter war Hausfrau, sein Vater arbeitete als Luftfahrttechnik-Ingenieur am Überschallflugzeug Concorde – ein Beruf, der Jacky mit Kulturen und Erfahrungen in Berührung brachte, die über das beschauliche Dorfleben in Frankreich hinausgingen.

Obwohl er zwischen den Blöcken von Fontainebleau aufwuchs, kam er zum Klettern erst in seinen 20ern. „Es war Liebe auf den ersten Blick,“ erinnert sich Jacky. „Ich begann drei Mal pro Woche zu klettern, und dann eigentlich immer.“ Als wettkampferprobter Turner machte Jacky bald Fortschritte, indem er seine physische Kraft mit dem Ehrgeiz verband, sich zu beweisen. „Ich wollte Grenzen überschreiten, weiter gehen und schwierigere Sachen machen als alles vorher dagewesene. Wenn ich an einem Wettkampf teilnahm, wollte ich gewinnen. Wenn ich harte Boulder probierte, wollte ich schwerer klettern als die anderen.“

Aber Jacky fand noch eine andere Motivation im Wald von Fontainebleau, die sich vom Wettkampfgedanken unterschied. „Beim Klettern,“ so Jacky, „merkte ich, dass mehr dazu gehört als nur die physische Seite. Da war Zweifel, und das hat mich gereizt.“ Die dem Klettern innewohnende Unsicherheit und die emotionale Überwindung verschaffte ihm das Gefühl etwas vollbracht zu haben, was er vorher im sportlichen Wettkampf nicht kannte. „Wenn es sicher ist, dass etwas zu bewältigen ist, berührt es mich nicht. Wenn aber der Erfolg nicht sicher ist, gibt es ein Risiko zu scheitern, und dieses Risiko macht die ganze Angelegenheit spannend und aufregend.“








„Es war Liebe auf den ersten Blick,“ erinnert sich Jacky.

Episode 5 Media Til6
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An einem sonnigen Herbstmorgen steht Jacky barfuß auf den Matten der Karma Kletterhalle in Fontainebleau. Die Halle ist ein zweckmäßiger Bau aus Stahlträgern und Blech am Stadtrand, ein Gebäude in einer Reihe zerfallender Militärbaracken, die langsam vom Wald zurückerobert werden. Als Chefroutenbauer des französischen Kletter-Nationalteams arbeitet Jacky hier in einer eigens dem Wettkampftraining gewidmeten Bereich; er baut Boulder, die sowohl Körper als auch Köpfe der Athleten fordern.

„Es gibt kein Rezept für Kreativität,“ sagt er, als er erklärt, wie er eine neue Route entwirft. „Es gibt viele kleine Tricks, um die Kreativität zu stimulieren. Der erste ist, Spaß zu haben. Dann versuche ich etwas Überraschendes an die Wand zu werfen. Und wenn etwas Überraschendes entstanden ist, versuche ich die Bewegungen auszuarbeiten. Und dann passe ich die Schwierigkeit der Züge so an, dass sie den Menschen entsprechen, die sie klettern sollen.“

Später wird das französische Nationalteam zu Trainingszwecken einen Probe-Wettkampf klettern, und Jacky gibt seinen Bouldern den letzten Schliff. Den Kopf zur Seite gelegt und mit den Händen Bewegungen imitierend, sieht er eher aus wie ein Künstler als ein Sportler. Seine blassblauen Augen scheinen durch die Wand hindurchzuschauen, die unsichtbaren Möglichkeiten sehend, die hinter dem jeweiligen Problem oder dem ideengebenden Boulder draußen im Wald stecken.

Er steigt auf die Leiter, den Akkuschrauber in der Hand und ein paar Schrauben zwischen den Zähnen. So bewegt er sich von Boulder zu Boulder, entfernt hier einen Griff, fügt dort einen hinzu, dreht einen dritten. Er legt seine Hände auf die Griffe, prüft die Ausrichtung. Schließlich ist er zufrieden und springt hinunter auf die Matte. Wenige Minuten später hat er seine Turnschuhe und ein Crashpad geschnappt und ist unterwegs in den Wald.









„Es gibt kein Rezept für Kreativität,“ sagt er. „Dann versuche ich etwas Überraschendes an die Wand zu werfen."

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Obwohl der Wald von Fontainebleau nur 60 Kilometer von Paris entfernt ist, ist er eine eigene Welt. Er umfasst 25.000 Hektar sanft geschwungenes Waldgebiet, erschaffen als Rückzugsort der Könige, bevölkert von Künstlern und geschützt als Naherholungsgebiet für Paris. Im Wald von Fontainebleau lässt sich natürliche Schönheit erfahren, er bietet den Rückzug von der Stadt.

„Der Wald ist wie die ‚Lunge von Paris‘,“ sagt Jacky. „Er war eine Quelle der Inspiration für Maler, Schriftsteller und später für Kletterer. Ich glaube es liegt nicht nur an den Felsen, sondern einfach am Wald.“ Tatsächlich findet sich hier eine verzauberte Stimmung. Ruhige Straßen winden sich durch die Hügel, gesäumt von stattlichen Ulmen; und Wege – wie der Sentier Denecourt, der 1840 markiert wurde – führen zu den tausenden Felsformationen des Waldes.

Dass die Boulder mit ihren glatten Sandsteinwänden und virtuosen Leisten anspruchsvolle Lehrmeister für Kletterbewegungen waren. „Dabei waren sie für lange Zeit nur eine Möglichkeit, um etwas anderes zu üben - jetzt stellen sie eine eigenständige Disziplin,“ sagt Jacky. „Hier zu klettern ist genug.“
Episode 6 Media Tile 2
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Am späten Nachmittag, zurück in der Kletterhalle: Das französische Team versucht sich an den Wettkampfbouldern. Von der Mitte der Halle aus beobachtet Jacky die Kletterer, einen Finger auf die Lippen gepresst. Vom Boden aus rufen die Kletterer Anfeuerungen, während eine Kletterin mit einem überhängenden, pumpigen Boulder kämpft. Sie fällt, klatscht frustriert die Hände zusammen, und Jacky geht lächelnd zu ihr hin, um sie zu ermutigen.

„Zweifel ist der beste Antrieb, den es gibt,“ sagt er später. „Wenn da nicht dieser Unsicherheitsfaktor wäre, diese Frage, dieses Risiko — nicht das, sich zu verletzen oder zu sterben — sondern einfach, es nicht zu schaffen, hätte ich sicherlich aufgehört zu klettern, glaube ich.“
Plastikgriffe und Volumen aus Sperrholz mögen als seltsame Mittel erscheinen um Zweifel und Unsicherheit auszuloten, doch Jacky glaubt, wenn er Kletterern in der Halle hilft mit diesen Emotionen umzugehen, er ihnen dabei helfen kann, ihren Weg zum Glücklichsein zu gehen, dem ultimativen Ziel. „Klettern,“ sagt Jacky, ist ausreichend komplex, so dass nicht immer der Stärkste gewinnt. Es gewinnt der Inspirierteste, und ich würde sagen, der Glücklichste, der Entspannteste.“

Diese Leidenschaft treibt Jacky seit dreieinhalb Dekaden an, obwohl seine grenzverschiebenden Höchstleistungen lange zurückliegen. „Offensichtlich bin ich heute nicht mehr so stark wie früher,“ gibt er zu. „Aber das ist nicht wichtig. Mich interessiert nicht was war, sondern was kommt. Ich liebe das Klettern, weil es anders ist. Nicht weil ich etwas geleistet habe, sondern dafür, was ich noch tun werde und was es mir geben wird. So lange es diesen Antrieb gibt, werde ich immer nach vorne schauen.“



Words: Alex Hamlin
Photography: Mattias Fredriksson
Videography: Spindle

„Ich liebe das Klettern, weil es anders ist. Nicht weil ich etwas geleistet habe, sondern dafür, was ich noch tun werde und was es mir geben wird."