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Short Shorts: Joe Grant entdeckt den echt harten Roch

Tuesday, August 29, 2017
Den Hardrock 100 zu laufen ist ein echter Ausdauertest. Dank einiger Visionäre - darunter Roch Horton von BD - gibt es bei der Überquerung des 4000 Meter hohen Virginius-Passes an Meile 67 nun für Läufer die Möglichkeit, Energie zu tanken, sich zu erholen und wieder fit zu werden. In seiner ersten vierteljährlichen Kolumne sinniert Joe Grant über den unbekannten, wahren Helden des Hard Rock.

Text & Bilder: Joe Grant

 

„Ich habe es schon öfters gesagt: Du siehst viele Leute, die du kennst... aber du wirst sie nie so sehen wie hier. Du kommst rauf und siehst sie an und du kannst direkt in ihre Seele schauen, direkt in ihr Herz, in ihr ganzes Leben. Es ist der einzige Ort, an dem du das kannst. Alles kommt zum Vorschein.“ Roch Horton, Kroger‘s Canteen, 10. Juli 2017.

Es gibt auf knapp 4000 Metern einen Engpass auf dem ausgesetzten Grat zwischen Ouray und Telluride in Colorado, der als Virginius-Pass bekannt ist ... oder als Kroger‘s Canteen. Der zweite Name ist eine Hommage an Chuck Kroger, einen legendären amerikanischen Kletterer, der in den Anfangstagen des Hardrock Hundred Endurance Runs den Organisatoren dabei half, einen sicheren Weg über den ausgesetzten und teilweise heimtückischen Pass zu finden.

Hardrock ist ein 100-Meilen-Lauf, der in Silverton, Colorado startet und endet. Er beinhaltet ca. 10.000 Meter Höhenunterschied über mehrere Pässe über 3600 Meter sowie einen 4200 Meter hohen Gipfel namens Handies Peak, und verläuft durch Ouray und Telluride. Die Laufrichtung wird jedes Jahr umgekehrt. In der Richtung gegen den Uhrzeigersinn liegt Kroger‘s Canteen bei Meile 67.

Auf einer 3x6 Meter großen Plattform aus festgetretener Erde direkt am Abgrund des Virginius-Passes errichtete Kroger eine Versorgungsstation, an der die Hardrock-Läufer mit neuem Wasser sowie einem Shot Tequila versorgt werden - ein belebender Kick für den weiteren Weg.

Chuck Kroger ist im Jahr 2007 an Krebs gestorben. Aber dank seiner Vision ist Kroger‘s Canteen ein fester Bestandteil des Hardrock Hundred geworden. Dieser Ort spiegelt den Charakter des Laufs wider: Ein Mix aus Eigenart, Rauheit und Schönheit.

Es sollte keine leichte Aufgabe werden, Krogers Erbe aufrecht zu erhalten. Man brauchte nicht nur jemanden, der fähig ist, die mehreren hundert Pfund an Equipment und Versorgung auf den Pass zu schleppen, sondern jemanden, der auch das unbestimmbare und einzigartige Gefühl dieses Erlebnisses verkörpert. Roch Horton von BD ist dafür der perfekte Mann.

Nachdem Roch den Hardrock-Lauf zum zehnten Mal beendet hatte, bot er an, seinen Startplatz als Läufer aufzugeben und stattdessen für die nächsten 10 Jahre Kroger‘s Canteen zu übernehmen. Wie er selbst sagt: Ich habe 10 Jahre etwas erhalten und möchte nun 10 Jahre etwas zurückgeben.

Roch ist ein sanfter Hüne. Seine beeindruckende Physis - groß, mit breiten Schultern und Händen wie Bärenpranken - steht im direkten Kontrast zu seinen freundlichen Augen und der tiefen, ruhigen Stimme.
Ihn umgibt eine gewisse Mystik. Seine Worte wirken immer bewusst und bedacht gewählt.
Er kann Gewitterstürmen auf den 4000 Metern des Virginius-Passes standhalten und gleichzeitig die richtigen Worte finden, um verängstigte Läufer, die mehr als einen Shot Alkohol brauchen, um ihre Ängste zu bekämpfen, wieder aufzubauen.

Diese emotionale Nähe und Schärfe ist eine seltene Qualität und eine, die ich an Roch besonders schätze.
Ich bin den Hardrock zum ersten Mal im Jahr 2011 gelaufen. Ich erinnere mich, wie ich die letzten Schritte über den Schnee hoch zu Kroger‘s Canteen bewältigte - benebelt, schwindelnd und gerade noch aufrecht gehend. Es war ungefähr 23 Uhr, und ich war seit 17 Stunden unterwegs. Es gab ein herzliches Willkommen von sechs Freiwilligen dort oben. Sie waren alle in klassischen Bergsteiger-Outfits gekleidet - das Motto der Versorgungsstation in diesem Jahr. Ich erinnere mich, wie ihre Unterstützung mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte - trotz meines angeschlagenen Zustands.

Ich stolperte zum Portaledge, das an der Felswand aufgebaut war, und setzte mich.

Roch kam zu mir, legte mir einen Schlafsack um die Schultern und gab mir eine Tasse Brühe. Ich hielt die Tasse vor dem Trinken kurz in den Händen. Das warme Metall gab wohltuende Wärme an meine Hände ab.

Wie weggetreten starrte ich auf den Boden unter meinen Füßen, doch ein paar Minuten später stand ich wieder auf. Es war natürlich verlockend, länger zu bleiben, aber ich wusste, dass ich nicht zu lange pausieren durfte - sonst würden meine Beine komplett aufgeben. Kurz bevor ich mich an den Abstieg in Richtung Telluride machte, trat Roch an mich heran, drückte meine Schultern und sagte mit seiner ganz eigenen Art:

„Joe, tu das, was du liebst. Lauf einfach durch die Berge.”

Was ich damals fühlte, gibt mir heute noch Kraft. Rochs simple Aussage half mir dabei, außerhalb meiner eigenen kleinen Blase zu denken, meiner kleinen Welt des Schmerzes, die ich mir selber eingebrockt hatte. Ich konnte mich wieder daran erinnern, worum es eigentlich ging.

Danke, Roch, für Alles was du tust - für die harte Arbeit, die Versorgungsstation aufzubauen, und für deine weisen Worte. Danke, dass du das Erlebnis dieses Laufs lebendig hältst.


 

BD-Athlet Joe Grant trägt Shorts, seit er sechs Jahre alt ist. Er liebt es, nichts anderes außer diesen Hosen zu tragen, wenn er sich in den Bergen die Seele aus dem Leib rennt. Short Shorts ist seine vierteljährliche Hommage an das Berglaufen.

 


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